Gestern abend war ich bei einer Veranstaltung der Stadt Köln zum Thema Menschen mit Behinderung. An diesem Thema aus Sicht des Internets interessiert war ich also unter den Zuhörern.
Es sollten verschiedene Workshops durchgeführt werden, die aktiv von Menschen mit Behinderung besucht wurden. Die Zielrichtung der Workshops war mir nicht ganz klar, aber das steht auf einem anderen Blatt. Ich war im Workshop “Kommunikation”. Wie zu erwarten waren dort zum größten Teil gehörlose, schwerhörige, CI Träger und Menschen mit Lernschwierigkeiten anwesend.
Zu Anfang wurden rote Karten verteilt mit der Aufschrift: “Halt! Bitte leichte Sprache!” Die wurden gezogen sobald eine Kommunikationsbarriere auftauchte. In der Anfangsphase waren die Karten laufend oben bis erst einmal alle Barrieren klar waren. Laut und deutlich sprechen, langsam sprechen, einfache Sprache benutzen und das Mikro nah an den Mund damit auch die über die Induktionsanlage hörenden Besucher was mitbekommen. Und nicht vor die DGS Dolmetscher stellen damit die Gehörlosen was mitbekommen und bitte auch nicht vor dem Beamer der Schriftdolmetscherin stellen. Puh, Kommunikation für alle ist gar nicht so einfach.
Zu Beginn wurde ein Film gezeigt. Schwupp, rote Karte. “Ich kann den Film nicht sehen, ich bin blind.” OK, ist ein Problem, gebe ich zu. Dann war der Ton zu leise und die Boxen störten die Induktionsanlage. Die Schwerhörigen bekamen nichts vom Inhalt mit. Schwupp, rote Karte. Auf den Film wurde dann verzichtet.
Nach einer Themensammlung war schnell klar dass Internet eine große Barriere darstellt. Und irgendwie berichteten dann Gehörlose über die mangelhafte Kommunikation mit Polizei.
Die Polizei NRW hat schon seit mehreren Jahren ein so genanntes Notfall-Fax, das unter anderem auch gehörlosen Menschen erlaubt in einem Notfall mit der Polizei zu kommunizieren. Im Internet sind die entsprechenden Faxnummern der jeweiligen Behörden hinterlegt, wobei die Polizei NRW bestrebt ist flächendeckend auch über die 110 Notfallfaxe entgegenzunehmen. Dann bietet die Polizei NRW im Internet Videos in DGS (Deutsche Gebärdensprache) an um wichtige Inhalte zu erklären. Formulare im Bereich des Bürgerservice sind bei allen wichtigen Formularfeldern ebenfalls mit Videos in DGS versehen.
Ein Problem stellt natürlich der Notfall eines gehörlosen Menschen unterwegs dar. Er kann ja nicht zum Handy greifen und mal gerade bei der 110 anrufen. Wieder kommt die Frage, warum wir denn als Polizei keine SMS in solchen Fällen entgegennehmen. Technisch wäre das kein Problem. Aber in einem wirklichen Notfall will man ja auch sofort Hilfe. Und SMS funktioniert leider nicht in Echtzeit. (Man denke hier an die SMS die Sylvester verschickt werden und mehrere Stunden zum Empfänger brauchen) – Hier denke ich wird die Technik bald Abhilfe leisten können. Mir schweben Möglichkeiten von Notfallchats mittels UMTS Handys und Videotelefonie vor. Ein Gehörloser wählt im Notfall eine Nummer, wird mit einem DGS Dolmetscher verbunden und mittels Videotelefonie gebärden dann beide. Der Dolmetscher teilt dann den Notfall in Lautsprache der Polizei mitteilt. Wie gesagt, noch Zukunftsmusik, UMTS Handys sind noch teuer, UMTS ist flächendeckend noch nicht verfügbar und die Infratsruktur mit entsprechenden Dolmetschern steht auch nicht nicht.
Nach der Veranstaltung wurden dann noch Kalender verteilt. Diese hatten für jeden Monat einen guten Vorsatz. So ist das dann im Dezember: “Im Dezember benutze ich keine Fremdwörter.” Den Kalender fand ich von den Sprüchen her einfach klasse. Dann wurde ich entdeckt. Ein junger Mann mit Lernbehinderung kam auf mich zu:
(J – Junger Mann): “Haben Sie noch so einen Kalender?”
(G – Ich): “Nein, die verteilt aber Frau XYZ.”
(J): “Echt? Kann ich nicht ihren haben?”
(G): “Nein.”
Er zu ihr hin, sie hatte aber keinen mehr. Also kam er wieder zu mir.
(J): “Brauchen sie ihren Kalender?”
(G): “Ja, den möchte ich in meinem Büro aufhängen.”
(J): “Echt?”
(G): “Ja!”
(J): “Echt? Wo denn?”
(G): “In meinem Büro in Düsseldorf. Bei der Polizei.”
(J): “Echt? Sind sie Polizist?”
(G): “Ja.”
(J): “Echt? Oberkommissar? ”
(G): “Nein, xxx.”
(J): “Echt? Brauchen Sie ihren Kalender noch?”
(G): “Ja….”
Er wieder weg. Zwei Minuten später…
(J): “Sind sie echt Polizist?”
(G): “Ja.”
(J): “Brauchen Sie ihren Kalender noch?”
(G): “Ja, echt!”
Ich weiss nicht ob er noch jemanden seinen Kalender abluchsen konnte. Meiner hängt auf jeden Fall schon im Büro! ECHT!
none